Warum ich Schreibende berate

Da hatte ich also meine erste Stelle nach dem Studium angetreten, hatte mich hochgearbeitet von einem Schreibtisch im Durchgangszimmer ins eigene Büro unterm Dach. Hier warteten zig Stapel von Manuskripten auf Durchsicht, zwei bunte Polstersessel luden zu anregenden Gesprächen zwischen Autoren und Lektorin ein. Ich war glücklich.

Nur

Die Realitäten des Berufsalltags holten mich bald ein. Theoretisch

  • wie schreibt man Autoren eine Absage, die außer Frust noch Erkenntnis bringt?
  • Wie schreibt man ein Lektorat, das nicht nur der Form genügt, sondern in Besprechungen eine wirklich praktische Arbeitsgrundlage ist?

Es gab formelhafte Vorlagen für berufliche Texte, die ich mir schnell aneignete, aber ein schales Gefühl blieb.

Buchbesprechungen

Und dann waren da die Besprechungen, in denen ein Drehbuch durchgearbeitet wurde. So sollte etwa der Schritt von der 7. in die 8. Fassung gelingen. Vertreter des Fernsehsenders waren bei diesen Sitzungen dabei, manchmal Herstellungsleitung und Regie, immer der Produzent und ich als Frau für die Stoff-Entwicklung. Auf der anderen Seite saß ein Autor.

Sehen Sie es vor sich? Beim Fußball spielen ja auch 11 gegen 11. Das Zahlenverhältnis war ungut, die Absichten die besten. Seite für Seite wurde das Drehbuch durchgeblättert, hier und da Anmerkungen gemacht. Die Autor*innen machten sich fleißig Notizen, bereit, die Fehlerliste zuhause abzuarbeiten. Hin und wieder regte sich Widerstand. Dann wurde über die Notwendigkeit eines Schauplatzes oder einer Nebenfigur diskutiert.

Manchmal hob jemand von Produktionsseite den Blick vom Buch und fragte „was denn eigentlich erzählt werden“ solle? Ja, und Zigarre geraucht wurde auch.

Nase im Buch – oder Helikopterblick?

Es waren spannende Erfahrungen, nur fragte ich mich nach den vielen Sitzungen:

  • „Kann man die Struktur eines Textes überhaupt sehen, wenn man ihn Seite für Seite durchkämmt?“ oder:
  • „Woher nehmen die Autoren noch Inspiration für die Text-Überarbeitung, wenn der Blick nur auf Fehler gerichtet ist und nicht darauf, wie es anders sein könnte?“

Wie kann es anders sein, fragte ich mich und merkte: Dafür müsste man genau wissen, was man will.

Wissen

Ich wollte wissen, wie man wirkungsvolle Texte schreiben kann, besuchte Seminare und durchpflügte die gängige Literatur. Nach drei Jahren intensiven Lernens hatte ich nicht nur raus, wie man hilfreiche Absagen schreibt. Meine Lektorate enthielten mehr als die übliche Kritik an Figuren und Struktur. Sie enthielten Empfehlungen, in welche Richtungen der Text weiter entwickelt werden kann. Sitzungen wurden produktiver, Diskussionen zielgerichteter.

Herzblut

In dieser Zeit war es mir immer noch ein Rätsel, warum mich meine eigenen Texte lanweilten – trotz meines angehäuften Wissens. Sie genügten den üblichen Ansprüchen, waren ein Muster an Verständlichkeit, nur farblos kamen sie mir vor. Ist ja nicht so schlimm. Oder?

Cluster

In einem Urlaub fand ich dann das fehlende Puzzlestück. In Gabriele L. Ricos Buch zum Garantiert schreiben lernen entdeckte ich das Clustern. Auf Seite 62 ihres Buches lädt sie ein, über eine Begebenheit aus der Kindheit zu schreiben. Erst mal nur so. Das hier war der Anfang meines Textes:

„Ich erinnere mich an eine wundervolle Winternacht in meiner Kindheit. Mein Vater weckte meine Schwester und mich, wickelte uns, so wie wir waren, im Schlafanzug in warme Decken und setzte uns draußen vor dem Haus auf einen Schlitten. …“

So weit so gut. Dann zeigte Frau Rico ihren Lesern die Schreibtechnik ‚Clustering’. Ich probierte sie aus und danach fing der Text über die gleiche Begebenheit so an:

„Ich liege im Bett und schlafe als Papa hereinkommt und mich weckt. Eva wird auch wach. Mama ist da und sie weiß nicht so recht, aber Papa ist sich sicher und scheucht uns zum Aufstehen. Er ist aber ganz lieb und geheimnisvoll. …“

Keine hohe Literatur, aber mit einem eigenen Rhythmus und einer eigenen Stimme, die nicht mehr nach Schulaufsatz klingt. Was war ich erleichtert und sogar euphorisch! Es gibt also Möglichkeiten! Sachlich korrekt konnte ich schon schreiben, jetzt fand ich eine Sprache für Zwischentöne. Das schlug sich in Geschichten nieder – und in meiner beruflichen Korrespondenz. Zur Verständlichkeit gesellte sich Herz.

Es geht anders

In der Stoffentwicklung wird eine Geschichte in ihre Einzelteile zerlegt:

  • Haupt- und Nebenfiguren werden geröngt,
  • die Erzählstruktur mit kontrastreichen Farben sichtbar gemacht.
  • Die innere Handlung wird behutsam aus der Action-Handlung herausgelöst und gepäppelt, bis sich aus der Nährlösung das Thema herausbildet.

So kann man das wundersame Gewebe einer berührenden Geschichte verstehen und weiter entwickeln. Dramaturgie kann lädierte Geschichten heilen, unfertige Geschichten zum Erblühen bringen.

Was ich aus der Dramaturgie schon wusste, entwickelte ich jetzt für Sachtexte: Ein Schreib-Handwerk.

Ich studierte noch einmal und lernte Techniken, die die berufliche, schriftliche Kommunikation erleichtern:

  • Mit fokussiertem Freewriting lassen sich Ideen finden und Themen eingrenzen.
  • Ein Schreibtypentest bringt Klarheit in die eigene Arbeitsweise.
  • Das Clustering erledigt Gliederungen mit links und
  • ein Inkubationsbuch wird zum Fundus für umfangreiche Schreibprojekte.

Zwei Sessel

Die beiden Sessel in meiner Dachkammer wurden selten für anregende Gespräche genutzt. Ich habe sie darum gewissermaßen aus der Kammer geholt, die Treppen hinuntergetragen und im Garten unter den Birken aufgestellt. Dort berate ich jetzt Autoren, die Geschichten erzählen möchten. Und ich unterstütze Menschen, die im Beruf verständlich und lebendig schreiben möchten. Kommen Sie gerne mal vorbei.